DIR EN GREY - UROBOROS (Limitierte Europa-Pressung)

review - 16.11.2008 13:00

Review über nicht weniger als die Zukunft des japanischen Rocks.

Künstler: DIR EN GREY
Titel: UROBOROS
Typ: Album
Release: November 2008
Stil: Rock/Metal
Bewertung: 9.3 / 10


Trackliste:
01: SA BIR
02: VINUSHKA
03: RED SOIL
04: DOUKOKU TO SARINU
05: TOGURO
06: GLASS SKIN
07: STUCK MAN
08: REIKETSU NARISEBA
09: WARE, YAMI TOTE…
10: BUGABOO
11: GAIKA, CHINMOKU GA NEMURU KORO
12: DOZING GREEN
13: INCONVENIENT IDEAL
14: GLASS SKIN (Japanese Lyrics Ver.)
15: DOZING GREEN (Japanese Lyrics Ver.)
16: AGITATED SCREAM OF MAGGOTS -UNPLUGGED-


Da ist es nun also. Fast zwei Jahre sind seit dem als halbes Fiasko verschrienen "THE MARROW OF A BONE" vergangen. Nun stellt sich einem natürlich die Frage: "Was erwartet mich diesmal?". Von der Aufmachung her kann man den Jungs wie immer keinen Vorwurf machen. Das Cover sieht so mysteriös aus wie immer und lädt gerade zu zum Kauf. Und auch die vorab veröffentlichten Singles waren nicht deutlich über denen von "THE MARROW...". Da darf man also einiges erwarten. Und da es sich wohl um nicht weniger als die Offenbarung handeln wird, kommt man nicht unter drei Word-Seiten weg.

"SA BIR" ist ein unausweichlicher SE-Track, der als Opener eine Stimmung a la "Wir sind in Transsylvanien" erzeugt. Interessant, ermüdet jedoch relativ bald, da zwei Minuten lang kaum Variation auftaucht. Was die Jungs bei "VINUSHKA" getreten hat, wird man wohl nicht erfahren. Ein fast zehn Minuten langes Stück kennt man aus ihrer Karriere zwar, aber das ist schon Ewigkeiten her - oder wollten die Jungs Metallicas aktuellem "The Day That Never Comes" nacheifern? Immerhin ein sehr gediegenes Melodic-Rock Stück. Und tatsächlich, der Vergleich mit obigem Lied ist nicht weit hergeholt. Nach einem gemütlichen Anfang wird es eine Spur deftiger und wir kriegen ordentlichen Growl zu hören. Danach geht es zwar wieder fast schon balladesk zu, aber man hat Kyo schon lange nicht mehr so intensiv vernommen.

"RED SOIL" ist ähnlich aufgebaut, bietet aber deutlich herbere Parts und begeistert vor allem durch ordentlich massierenden Double-Bass. Einziger Wermutstropfen sind ein paar geisteskranke Schreie, ohne die es wohl gar nicht ging. Der Folgetrack wirkt sehr wütend, woraus sich eine enorme Stärke entfaltet. Die Art Melodik mit an Metalcore grenzenden Abschnitten zu kreuzen, ist typisch DIR EN GREY und gerade deswegen so überzeugend.

Für "TOGURO" griff die Band offenbar auf alte Ideen zurück. Sehr oldschool klingt das Stück. Vor allem die latente Gediegenheit, die absolut keinen Zeitpunkt für Ausbruch der Instrumente bietet, fesselt von Anfang an. Irgendwas scheint bei den Jungs in den vergangenen Monaten umgestellt worden zu sein. Ein Drittel durch und noch kein Fluchwort gefallen, wenn doch dann so dezent, dass es deutlich überhört wurde. Und mit "GLASS SKIN" folgt auch keine Mörder-Riff-Hass-Tirade. Die Besonderheit ist, dass die Lyrics bei dieser Version komplett auf Englisch sind, was der vernünftig produzierten Single-Auskopplung noch mal einen gewissen Dreh gibt.

Kaum hat man die Jungs im Stillen gelobt, kommen sie doch mit einer offensiveren Sprache daher. Bei diesem Metal-Punk-Knüller stört das aber freilich überhaupt nicht. Sehr kultiviert im Aufbau, ist das Stück eine offensichtliche Einladung, bei einer Liveaufführung abzugehen. Und mit einem Geniestreich, anders kann man es kaum betiteln, wechselt der Player auf "REIKETSU NARISEBA", fast ohne dass man davon mitbekommt, so fließend ist das Ganze. Dieses ist trotz eines deftigen Grundtones ein heftiges Groove-Monster. Die Stimmung, die zur Mitte hin aufgebaut wird, nur um dann mit saftigem Metal vernichtet zu werden, ist von feinster Güteklasse. Nachdem man einen etwas langen Abspann genießen darf, kann man sich mental wieder auf Gemütlichkeit einstellen.

"WARE, YAMI TOTE..." ist ein weiteres Stück jenseits der "üblichen" fünf Minuten Grenze. Und obwohl man diese anfangs sehr zurückhaltende Musik recht schnell als "Zeit um kurz Kaffee zu holen" Intermezzo abschreiben möchte, gibt die Band einem mehrere gute Gründe dazubleiben. Nach einigen beinahe schon an spanische Gitarrenklänge erinnernde Riffs, die einem um die Ohren sausen, steigert der Sänger sich so richtig in seine spürbare Verzweiflung. Man wird ein weiteres Mal Zeuge einer überragenden Stimme, die nicht im blinden Hass, sondern in der stillen Wut eine atemberaubende Tiefe entfaltet. Und dann sind einem die zuvor beanstandeten sieben Minuten auf einmal viel zu kurz.

Mit "BUGABOO" erwarten einen nette Bass-Lines, aber auch ein bekannt vorkommendes Gitarren-Riff. Vor allem aber ein Mörder-Growl, der in seiner eisigen Stille und Einfachheit niemals über mittlere Dezibelwerte kommen würde, wäre da nicht die offensive Stimme des Sängers. Mit der Subtilität ist es aber bald schon wieder vorbei. Im deftigen Schlussspurt fühlt man sich Stellenweise bei Six Feet Under - und das ist vollkommen als Kompliment gemeint. Wenn man der Band hätte böse sein wollen, hätte man Witze über ein Cover des grässlichen Destiny's Child Songs Ende der 90er vorbereitet. Nach diesem Stück aber müsste man alle vorher gemachten Notizen und Vorurteile in den Eimer kloppen und unter dem Titel "BUGABOO" als Referenzobjekt nur noch diesen Song abspeichern.

"GAIKA, CHINMOKU GA NEMURU KORO" gibt's einem richtig dreckig in die Fresse. Wie der einst so schmächtige Schlagzeuger so abgehen kann, ist mir bis heute ein Rätsel. Die Jungs legen ordentlich im unterschwelligen Klangbereich vor, bevor Kyo wieder für kurze Zeit seine Kraft bei hohen und schnellen Stellen präsentieren darf. Noch ein wenig tiefschürfenden Goth-Metal zum Abschluss eingebracht und man sitzt erneut mit heruntergeklappter Kinnlade vor dem Player und fragt sich, was sich innerhalb von nicht mal zwei Jahren geändert hat, dass dem Quintett wieder solche Stücke von der Feder fließen. "DOZING GREEN", wie schon die andere Single-Auskopplung, gibt es hier zum Spaß ebenfalls auf Englisch. Obwohl schon zig mal gehört, fesselt einen der Song immer wieder aufs neue. Vor allem, wenn er in ein Gesamtwerk eingebunden ist. Die Instrumentalarbeit ist wieder feinster Güte und nimmt einen ein, vom ersten Ton bis zum letzten Fade-out.

"INCONVENIENT IDEAL" ist zu Beginn eine weitere Rock-Ballade, wie sie sooft bei der Band in vergangen Jahren stets als die Lichtblicke selbst des schlechtesten Augenblicks hervorgehoben wurden. So ist es auch diesmal. Gerade die gewohnte Einfachheit ermöglicht es einem, dieses Lied in seiner vollen Länge zu genießen. Stellenweise fühlt man sich zwar an "Nothing Else Matters" erinnert, aber von dem Stück inspiriert zu sein, ist lediglich eine Bagatelle für jegliche Band. Noch bevor man das gehörte verarbeitet hat, ist es leider schon wieder vorbei, und das obwohl man gerade mit deutlichen viereinhalb Minuten bedient wurde. Zum Ende hin bekommt man bei der limitierten Version "GLASS SKIN" und "DOZING GREEN" noch einmal auf Japanisch serviert. Wie gesagt, beides sind geniale Stücke, vor allem wenn man sie eingebettet vorfindet. Wenn man allerdings kein "Heavy Rotation" Hörer ist, kann man sich das Ganze auch sparen. Muss also jeder selbst entscheiden, ob er innerhalb von einer Stunde zwei mal die gleichen Lieder hören mag. Hörenswert sind beide Sprachversionen allemal.

Den Abschluss bildet eine Unplugged Version von "AGITATED SCREAM OF MAGGOTS". Das Piano erzeugt eine unglaubliche Stimmung, welche leider durch das aufgelegt wirkende, aggressive Geschrei des Sängers gestört wird. An welcher Stelle vom Gesang man von unplugged sprechen kann, ist streitbar, aber die Horrorfilm-Stimmung, die durch geisterhafte Frauenstimmen und das groovende Klavier entsteht, ist beängstigend. Wäre SAW IV nicht ein so mieser Film gewesen, hätte man anstatt der X JAPAN Revival-Hymne "I.V." auch dieses Stück empfehlen können. Wäre erstens passender und zweitens hätte der Film wenigstens einen Schockmoment, der berechtigt wäre. Nichts gegen das oben erwähnte Stück, aber gesanglich passt ein Sänger wie Kyo deutlich besser zum Sujet als TOSHI.

Fazit:
Nicht weniger als die Offenbarung hat man vor sich liegen. Es gibt wieder Helden in der Szene, die sich nicht durch billige amerikanisierte Metal-Ergüsse ruinieren. Man kann nach diesem Album wieder sagen, dass man DIR EN GREY ja eigentlich immer toll fand. Obwohl es in seiner Eintönigkeit eigentlich absolut überraschungsarm und unglaublich vertraut das Trommelfell umschmeichelt, kommt man nicht umher, eben diese Eindimensionalität zu genießen. Easy-Listening Metal müsste als Begriff für die Art von Musik profilieren. Wie gesagt, ist es einfach nur ein Rätsel, was dem bereits totgesagten Quintett widerfahren sein muss, dass sie sich derart auf ihre Qualitäten besinnen und so ein Album raushauen. Bis auf ein paar Stellen ist das Album Güteklasse A - von besten Freiland-Musikern in liebevoll ausgestatteten goldenen Käfigen, die nur ihrem Gewissen verpflichtet waren, nicht weniger als ein Überraschungsei abzuliefern. Die Überraschung ist gelungen, denn die Erwartungen nach dem Vorgänger konnten nur übertroffen werden. Das Spiel hatten die Jungs, den Spaß der Hörer und die Schokolade, die besteht aus den drei Bonus-Tracks. Selten hat sich eine geringfügige Investition - 15 Euro sind bei heutigen Alben von über einer Stunde Spieldauer eine Seltenheit - mehr gelohnt als in diesem Fall. Wenn sich für die Band dadurch hierzulande nicht der verdiente Durchbruch in den Charts einstellt, lag es zumindest nicht an der Gruppe, sondern eindeutig am geschmacklosen deutschen Schnuffel-Alben Käufer. Wenn die Zukunft der Band so aussieht wie auf diesem Album, dann kann man nur hoffen, dass die Mayas mit ihren Berechnungen falsch lagen, und wir auch bis weit über das Jahr 2012 in den Genuss solcher Musik kommen.
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