Dir en grey - THE MARROW OF A BONE (limited edition)

review - 07.02.2007 13:00

Lange, lange, viel zu lange hat es bis zu diesem Album gedauert. Dir en grey sind endlich wieder zurück und präsentieren THE MARROW OF A BONE, Studioalbum Nummer sechs, und damit dreizehn frische Tracks, auf welchen die Band teils so brachial und schroff wie nie zuvor bei der Sache ist. Für diejenigen, die im Vorfeld befürchtet hatten, dass sich die fünf Jungs inzwischen ganz dem Death Metal hingegeben haben, hält das Album aber dennoch einige handfeste Überraschungen bereit. Überhaupt: THE MARROW OF A BONE ist bis auf ein, zwei kleine Ausnahmen wirklich richtig gut, auf demselben hohen Niveau wie der Vorgänger und enthält einige der besten Songs von Kyo & Co. aller Zeiten.

Stilistisch tun sich schon zu Beginn einige Unterschiede zum vorigen Album, dem gefeierten Withering to death., auf. LIE BURIED WITH A VENGEANCE orientiert sich stark an Moshern wie GARBAGE vom Vorgänger. Während derartige Heavy-Metal-Orgien damals aber rar waren, dominieren sie das neue Werk der fünf Japaner. Kyo nimmt kein Blatt mehr vor den Mund und bringt im Takt klare Ansagen: "Fuck, fuck, fuck you all" - und das in jedem zweiten Track. Freunde der etwas härteren Kost werden's mit Hingabe genießen, alle anderen haben dennoch genug Lichtblicke, die ganz andere Wege einschlagen und auch vornehm die bisherigen Stärken der Band aufzeigen.

CONCEIVED SORROW ist eine drückende, finster-melodische Elegie, mit welcher Dir en grey ihr songschreiberisches Können direkt am Anfang demonstrieren. Auch die schon bekannte Single RYOUJOKU NO AME (mit teils neu aufgenommenen Vocals und Drums sowie einem offeneren Mix, um dem rauen Gesamteindruck näherzukommen) gehört zweifellos zu Dir en greys besten Stücken und ist sowohl eindringlich und verzweifelt als auch verspielt-frenetisch. Und das Albumhighlight schlechthin, NAMAMEKASHIKI ANSOKU, TAMERAI NI HOHOEMI, trifft den Hörer mit seiner unglaublich traurigen und sehnsüchtigen Melodie und Kyos herausragenden Vocals direkt ins Herz.

Wie schon bei HIGEKI HA MABUTA WO OROSHITA YASASHIKI UTSU vom vorigen Album Withering to death. zeigen Dir en grey, dass in der Länge durchaus eine ganz beachtliche Qualität liegen kann - NAMAMEKASHIKI ANSOKU, ... ist einfach nur ganz große Klasse, vom Anfang bis zum unheimlich emotionalen Finish, und rührt zu Tränen. DISABLED COMPLEXES ist ein seltsamer Hybrid aus Funk-Intro mit getragenem, wunderschönem Gesang und einer zweiten Strophe, die im Grunde so gut wäre, wenn Kyo nicht permanent "Psycho Killer" jaulen würde.

Die etwas poppigeren, aber dennoch angenehm harten Nummern sind ebenso vertreten, mit THE FATAL BELIEVER, einem mitreißenden Titel voller Power, der zu den Highlights gehört, dem etwas gemütlicheren, KoRn-ähnlichen ROTTING ROOT, dem hinreißend melodiösen, fesselnden THE PLEDGE oder der bekannten Single CLEVER SLEAZOID, die nun dank kompletter Neuaufnahme noch zwei Ecken roher klingt. Überhaupt sind die neuen Aufnahmen der im Voraus veröffentlichten Singles ein schönes Geschenk für Fans, die sich alles gekauft haben. Keine Überarbeitung hat AGITATED SCREAMS OF MAGGOTS erfahren, welches immer noch genauso brutal und trashig bis ins Mark schrammelt, aber mit der Zeit tatsächlich etwas an Wert gewinnt.

Auch die restlichen Tracks sollte man unbedingt erwähnen, da das Album nahezu ohne Ausfall daherkommt: GRIEF ist dermaßen frenetisch, wütend und exzessiv, dass es eine wahre Freude ist, dass die Band dem Song sogar ein Video spendieren wird. Was Kyo zu "AC/DC, fuck you!" animiert hat, wird dagegen wohl vorerst ein Rätsel bleiben. REPETITION OF HATRED besitzt einen mächtigen Mittelteil, der das ansonsten etwas unspektakuläre Stück angenehm ausgleicht, und auf THE DEEPER VILENESS verzerrt sich Kyos Stimme bis zum Gehtnichtmehr, während er seine heftige Litanei absolut souverän über den hektisch-zerhackten Beat abhält.

Dir en greys THE MARROW OF A BONE hält locker mit dem Vorgänger mit und geht seinen ganz eigenen Weg. Das hat einen gewissen Preis: weniger Pop(tauglichkeit), wesentlich mehr harte Sachen, eine hörbar rohere Produktion, dafür auch absolut herausragende langsame Titel (allein das geniale NAMAMEKASHIKI ANSOKU, ...) und interessante Neufassungen der bereits bekannten Singles - die Band hat sich weiß Gott nicht auf ihrer aktuellen USA-Popularität ausgeruht, sondern kräftig rangeklotzt und sich endgültig für den Weg entschieden, den die Withering to death. eingeleitet hat. Und wenn dieser Weg so aussieht, dann hoffe ich stark, dass sie noch ein gutes Stückchen vor sich haben, denn von diesem Album kann man nur mehr wollen.

Die limitierte Edition des Albums kommt im Übrigen mit einem leicht schickeren Cover und einer Unplugged-CD, auf welcher die drei ruhigeren Stücke in Akustik-Varianten zu finden sind! Mehr Piano und Geigen, keine E-Gitarren, dafür noch mehr Gefühl - für Fans sind NAMAMEKASHIKI ANSOKU, ..., CONCEIVED SORROW und THE PLEDGE sicherlich einen Blick wert. Letzteres erinnert gar an einen ganz typischen Gackt-Titel. Ein ungewohnter, aber umso schickerer Bonus für Käufer der limitierten Edition.

9.2

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