LUNA vs. AI
Queen Of Street gegen Queen Of Hip Hop Soul.
LUNA verschlug es 2000 nach New York, genauer nach Harlem (wie sich das gehört!), wo sie an ihren Gesangskünsten arbeitete und bei diversen Wettbewerben mitmachte. Für den Sieg hat's zwar nie gereicht, die Erfahrungen brachten ihr zurück in der Heimat Japan aber Einiges ein, unter anderem Zusammenarbeiten mit SEEDA und L-VOKAL. Ein bisschen Ruhm in der Szene, ein bisschen Aufmerksamkeit vom Publikum - klar, dass da irgendwann das Solodebüt folgen musste. Und jetzt ist es da, "QUEEN of STREET", ihr erstes Album. Auf ihrer Myspace-Seite feiert LUNA sich zwar als Pionierin des Hip-Hop und spricht von einem neuen Stil, den sie erfunden hat, aber im Endeffekt setzt sie auf Altbewährtes. "QUEEN of STREET" überrascht nicht - und enttäuscht ebenso wenig. Das Album ist thematisch aufgeteilt, sechs Tracks liefern modernen, astreinen Hip-Hop, während die andere Hälfte sich dem R&B widmet. Alles sehr amerikanisch, LUNA hat kein japanisches Pop-Quietschstimmchen, sondern den Soul im Blut und liefert souveräne, schneidige Raps, die einige Kolleginnen blass aussehen lassen.
Und da ist ein weiterer Vergleich nahe liegend: "Ich bin die Königin der Straße, die Leute nennen mich die japanische Lil'Kim", sagt LUNA, und sowohl optisch als auch auf das kesse Auftreten bezogen, lassen sich diverse Parallelen nicht leugnen, aber mit dem urbanen Adelstitel hat sich in Japan längst eine andere Dame geschmückt, AI. Die hat sich mit ihrem soliden Mix aus Hip-Hop und R&B jedenfalls den Thron gesichert und diesen bisher bissig verteidigt.
Ich lernte AI durch eine Zusammenarbeit mit MICHICO kennen. "GOLD DIGGA" erschien 2003 und war für mich die erste Begegnung mit richtigem, japanischem Hip-Hop. Die Urban-Diva überzeugt mit präzisen Punchlines und hatte mich spätestens bei "Uh Uh......" (mit SUITE CHIC, ebenfalls 2003). Auf ihren Alben zeigte AI aber stets eine andere Seite von sich, trat nicht nur als die Personifizierung des harten Urban-Sounds auf, sondern sang und versuchte sich an rührendem Soul, mal mehr, mal weniger gelungen. Im Endeffekt ist es eben dieses Konzept, das man nun auch auf LUNAs Album finden kann und da die beiden ähnlich klingen, ähnlich auftreten (man denke sich nur mal die dicke Schminke aus LUNAs Gesicht weg..) und ein sehr ähnliches Ding machen, stellt sich die berechtigte Frage, ob LUNA es schafft, AI ihren Thron streitig zu machen. Praktisch, dass beide im März ihre Alben veröffentlichten, da liegt ein Vergleich nahe.
"QUEEN of STREET" ist definitiv was für Fans von Auto-Tune. Gerade im Hip-Hop-Teil des Albums wird der Cher-Effekt penetrant eingesetzt, der Titeltrack ist gänzlich verzerrt. Ist im Moment zwar angesagt, nervt aber teilweise, zumal LUNA ja tatsächlich singen kann, was sie später auch beweist. Part 1 jedoch fällt vor allem durch exzessive Tonhöhenkorrektur auf, die mit den üblichen Beats und simplen Melodien gemischt wird. In ihren Raps widmet sich LUNA Themen wie Geld, Schuhen, Grillz und Drogen - ja, mehr Klischees gehen eigentlich nicht, aber dass man mit modernen Sounds und Hip-Hop der eher prolligen Art konfrontiert wird, lässt das Cover schließlich auch erahnen. Und LUNA kann, obwohl Rap eigentlich nicht ihr Schwerpunkt ist, definitiv mit ihren Kollaborationspartnern mithalten (in "I'm Ready" präsentiert sie sich sogar so selbstbewusst, dass SIMON daneben fast ein wenig blass aussieht), ihr gelingt es einfach, ihre Message überzeugend und authentisch rüberzubringen. Highlight des ersten Teils ist definitiv der Track "Tokyo feat. SEEDA". Die Atmosphäre der Metropole wird von der ersten Sekunde an musikalisch perfekt umgesetzt, die schnellen Synthie-Sounds erinnern an volle Straßen, helle Lichter und tausend Gesichter, der ruhige Refrain an die kurzen, besonderen Momente, die einen das Chaos ertragen lassen. Als Anspieltipp muss auch "Give It To Me" erwähnt werden, wirre Synthesizer-Klänge fusionieren mit den treibenden Beats, leider wird im Refrain schmerzhaft schief gesungen, aber der Rest - gerade SHELLAs Part ("But Shella be the type quick to move on, treat men like lyrics, write a new song") - überzeugt. Nach "Body Roll" (feat. L-VOKAL & Ark), einem clubtauglichen Track mit explizitem Text, in dem LUNA sehr an die frühe Princess Superstar erinnert, neigt der Hip-Hop-Teil des Albums sich langsam dem Ende zu. In "I'll Be There" rappt LUNA zwar erneut, insgesamt werden aber ruhigere Töne angeschlagen und in "Your My Special" ist man dann endgültig bei R&B angekommen. Der wohl ausgereifteste Track des Albums, der zugleich berechtigterweise als Promosong dient, stammt aus der Feder USK TRAKs. Und der wiederum ist Teil von Tiny Voice, Production, die unter anderem mit Crystal Kay arbeiten und auch einen Großteil von AIs neuem Album produziert haben. Die soulige Uptempo-Ballade ermöglicht es LUNA, sich von einer erwachseneren Seite zu zeigen und auch ihre Stimme bestmöglich zu präsentieren. Das gilt auch für die restlichen Lieder, die insgesamt zwar sehr ähnlich klingen und sich vor allem durch den Einsatz von Piano und souligem Gesang auszeichnen, letztendlich aber alle auf ihre eigene Art und Weise zu gefallen wissen. Besonders "Never Fade Away" sticht hervor, hierbei handelt es sich um eine Demoversion aus dem Jahr 2004. Tapsige Anfängerversuche und mieser Sound? Fehlanzeige! Während Demoversionen auf anderen Alben oftmals schmunzeln lassen, gehört "Never Fade Away" zu den besseren Tracks von "QUEEN of STREET", jazziger Sound trifft auf eine hier wirklich grandiose Soulsängerin und LUNA zeigt, dass sie auch ohne Bling Bling und Trash auskommt. Der Fluss stimmt, gute Lieder und Höhepunkte wechseln sich ab - einziger Totalausfall ist der Bonustrack "I have a dream", bei dem viel zu dick aufgetragen wurde.
Während man "QUEEN of STREET" teilweise deutlich anhört, dass es sich um ein Debütalbum handelt, bietet "ViVa A.I." durchgehend solide produzierte Tracks, und dass hinter AI mehrere erfolgreiche Produzenten stehen und hier auch das Budget wesentlich höher war, ist offensichtlich. Somit sind AIs Startvoraussetzungen besser, die Basis vorhanden. Dass der Urban-Star über jahrelange Erfahrung verfügt, hört man Tracks wie "So Special", "feel for you" und "FIRE" deutlich an, ebenso klar wird aber, dass AI und ihre Produzenten genau wissen, was kommerziell ankommt und massentauglich ist. Leider scheint eben dieses Wissen das Team dazu bewegt zu haben, lieber kein Risiko einzugehen. Die Tracks sind insgesamt alle ganz nett, aber zugleich sehr einseitig und Wagemut sucht man auf dem Album vergeblich. Schade, denn so ist sogar das rockige Duett mit RIZE-Frontmann JESSE keine Überraschung, obwohl man aus der Begegnung beider Masterminds sicherlich mehr hätte machen können. AI profitiert von ihrer außergewöhnlichen Stimme, langweilt aber mit einfallslosen Melodien und viel zu braven Arrangements. Interessant sind "my angel", eine moderne Ballade mit Clubsounds, die auch auf ein Album von Justin Timberlake passen würde (nur eben ohne den guten Justin), das stimmungsvoll-funkige und teilweise gospelartig anmutende "people in the World", das geigenlastige und an Enka erinnernde Stück "Okuribito" (hier könnte AI glatt als Akiko Wadas Tochter durchgehen), "Nobody Like You", eine sehr futuristische R&B-Ballade, und der leichtfüßige und ebenso harmonische Popsong "YOU ARE MY STAR". Die restlichen Tracks sind zwar kein absoluter Reinfall, aber die Lust, das Album noch mal durchzuhören, erwecken sie ebenso wenig.
Auf "ViVa A.I." hört man keinen schiefen Ton, alles wirkt (etwas zu) durchdacht und abgerundet. Da stellt sich schnell Langeweile ein. "QUEEN of STREET" hingegen klingt an einigen Stellen reichlich holprig, ist dafür aber wesentlich spannender und profitiert vom starken Hip-Hop Teil. Auf LUNAs Album mischen sich diverse Ungereimtheiten mit guten Ideen und der deutlichen Lust an der Musik. AI wiederum präsentiert sich abgeklärt und liefert solide, aber ebenso einfallslose Lieder ohne Ecken und Kanten. Die Krone hat im Endeffekt eigentlich keine von ihnen verdient, aber LUNA steht noch am Anfang ihrer Solokarriere, während AI nicht mehr viel mit ihrem einst ehrgeizigen und schlagfertigen Ich gemeinsam hat. Und ob sie wieder zur Besinnung kommen wird, ist leider fraglich.











