Plastic Tree in Europa

interview - 02.11.2008 13:00

Ein Resümee. Plastic Tree tourten diesen Oktober abermals durch Europa und JaME heftete sich an ihre Fersen, nun gibt's für Euch ein paar Eindrücke der Auftritte in Deutschland und ein exklusives Interview mit der Band.

"Als sie am Flughafen ankamen, hatten sie eine ganz andere Mentalität. Mittlerweile sind sie Rockstars. Das hier ist einfach pure Anarchie."

So sprach's jemand, der die Band im Oktober quer durch Europa begleitete. Gut, sie sind Rockstars, die (fast) keinen Schritt ohne ihren Stylisten tun und ab und an dermaßen schmierige Balladen raushauen, dass man an der vorangegangenen Bezeichnung glatt zweifeln mag - aber in der Tat hat sich seit dem Wechsel zu Rage Tour einiges getan. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass diese unter anderem mit destroy-everything-Hatebreed arbeiten - zweifelt noch jemand an der Anarchiesache? Jedenfalls spielen Plastic Tree jetzt in lauschigen Clubs, die teilweise so winzig sind, dass Basser Tadashi eigenen Aussagen zufolge zwischendurch auf dem Verstärker sitzen musste, um nicht von der Bühne zu fallen, und zelebrieren jedes Konzert so, als wäre es ihr letztes, verstärkter Bierkonsum inklusive. Erinnert sich noch jemand an ihren ersten Gig in Deutschland? Die magische Show in Berlin, die damals Fans zusammenschweißte und bewies, dass Plastic Tree ganz und gar nicht die Schlaftabletten sind, für die sie oft gehalten werden? Ich dachte eigentlich, sie würden es nicht schaffen, dieses Erlebnis zu toppen. Haben sie aber. Während das Konzert im Magnetclub am 16. Oktober eher durchwachsen war, boten Plastic Tree wenig später in der Kölner Werkstatt eine Show, die so schnell wohl niemand vergessen wird. Schade nur, dass die Band es in Europa immer noch so schwer hat und auch in Deutschland das Publikum eher klein war, obwohl Plastic Tree musikalisch betrachtet in einer ganz anderen Liga spielen als manche japanischen Kollegen, die hierzulande längst den Durchbruch geschafft haben.

Vom neuen Album gaben die Jungs im Endeffekt leider nur zwei Songs zum Besten - nämlich die Singleauskopplungen. Zu "Alone again, wonderful world" wurden in Berlin fleißig Leuchtstäbe geschwungen, passte zwar zum Lied, rettete aber auch nichts. "Utsusemi" war zwar im Endeffekt eher eine Enttäuschung, Lieder wie "Shayou", "GEKKO OVERHEAD" und "Melt" wären allerdings eine nette Ergänzung zum üblichen Programm (unter anderem "Melancholic", "Ghost" und in Köln nach langem Betteln auch "psycho garden") gewesen. Zumindest gab Tadashi uns das Versprechen, das beim nächsten Mal nachzuholen. Übrigens wurde auch das "Andro Metamorphose"-Mysterium geklärt. Mew sind eben Ryutaros Idole. Das macht den Diebstahl auch nicht besser, aber immerhin ist er sich seiner Schandtat bewusst und guckte uns auch ziemlich betroffen an.

Plastic Tree scheinen im Ausland immer wieder aufs neue aufzublühen und die langen Trips im Van, die sie dieses Jahr von Land zu Land führten, scheinen eine inspirierende Wirkung auf die Jungs gehabt zu haben. Die Band, die zuletzt immer etwas abgeklärt wirkte, präsentierte sich in Europa sehr fannah und Ryutaro, Tadashi, Akira und Hiroshi versprühten den Charme einer Schülerband, die gerade ihre erste Tour startet und sich über jeden noch so kleinen Zuspruch freut. Die Entwicklung, die Plastic Tree gerade durchmachen, ihre Orientierung in eine sehr kommerzielle Richtung und die zuletzt eher durchschnittlichen Singles haben uns in der Tat an der Band zweifeln lassen, aber bei ihren Konzerten war dieser Eindruck schnell vergessen. Plastic Trees Gigs sind immer ein besonderes Erlebnis und wer diesmal nicht da war, hat so einiges verpasst. Aber die nächste Tour folgt bestimmt.


Am 14. Oktober trafen wir die Band nach ihrem Konzert in Griechenland. Die Jungs nahmen sich zwischen Fotoshootings und weiteren Interviews etwas Zeit, um mit uns über ihre Vergangenheit und vor allem über ihr aktuelles Album "Utsusemi" zu sprechen.


Ich glaube, die meisten von uns kennen Plastic Tree bereits. Bei einigen Lesern besteht aber vielleicht Nachholbedarf, also stellt Euch bitte zuerst vor und sagt uns, was Euch dazu inspiriert, Eure Instrumente zu spielen - oder in Ryutaros Fall zu singen.

Ryutaro Arimura: Ich bin Ryutaro Arimura. Ich singe in dieser Band, ja. Meine Inspiration? Nun, ich denke, ich kann nur singen! (lacht)

Spielst du nicht auch Gitarre?

Ryutaro: Nein, nicht wirklich! Ich spiele nur ein bisschen... Akira spielt die Gitarre, Akira sensei!

Aha?

Nakayama Akira: Ich bin Akira und spiele in der Tat die Gitarre. Meine Inspiration? Ich mochte den Bassisten von Duran Duran, John Taylor, sehr gern. Mir hat auch das Instrument an sich gefallen, also wollte ich ursprünglich Bassist werden. Ein Bass war aber einfach zu teuer (lacht), also bin ich nun Gitarrist.

Sasabuchi Hiroshi: Ich bin Sasabuchi Hiroshi, der Schlagzeuger. Ich habe drei ältere Schwestern. Eines Tages habe ich mir mit einer meiner Schwestern eine Orchesterperformance angesehen und für mich waren die Drums einfach das coolste Instrument im gesamten Orchester, also habe ich selbst angefangen, Schlagzeug zu spielen.

Hasegawa Tadashi: Mein Name ist Hasegawa Tadashi. Ich habe mich schon früh für Punkrock-Bands interessiert, solche wie die Sex Pistols. Ich wollte Gitarre spielen, in einer Punkband. Ich habe mich deshalb nach einer Band umgesehen, allerdings suchte niemand einen Gitarristen. Alle wollten Bassisten haben! Also habe ich mich letztendlich dafür entschieden.

Dann solltest du vielleicht deinen Platz mit Akira tauschen?

Tadashi: Vielleicht sollte ich das! (lacht)

Wann kam für Euch der Moment, in dem Ihr Euch definitiv dafür entschieden habt, eine Karriere als Musiker zu starten?

Ryutaro: Ich habe schon immer gern gesungen. Als Kind habe ich mit meiner Großmutter gesungen und diese Erinnerungen haben mich in meinem Werdegang ziemlich beeinflusst. Aber in diesem Alter wollte ich einige Jobs machen, ich wollte sogar im Zoo arbeiten! Als ich dann aber in der Mittelschule anfing, mit meiner damaligen Band Musik zu machen, habe ich realisiert, dass ich das wirklich tun wollte. Ein Sänger werden.

Akira: Ich wuchs in Hokkaido auf und hatte echt nichts zu tun. Als ich die Schule besuchte, unternahm meine Klasse eine Reise nach Tokyo, wir besuchten dort Disneyland. Ich muss nicht erwähnen, dass ich es in Tokyo total klasse fand. Von diesem Augenblick an wollte ich Musiker werden und bloß niemals nach Hokkaido zurückkehren!

Hiroshi: Mit 16 habe ich angefangen, Schlagzeug zu spielen, vor allem, weil ich japanische Rockmusik mochte. Vorher habe ich sehr viel Mahjong gespielt - ich war süchtig. Wenn ich damals gespielt habe, hab ich mit den Spielsteinen immer Geräusche gemacht, wie bei einem Schlagzeug. Es war also ziemlich leicht, sich umzustellen, von den Mahjongsteinen zu den Drumsticks.

Tadashi: Ich wollte nicht nur Musiker sein, sondern auch Künstler. In einer Band geht es nicht nur darum, Musik zu machen. Es geht darum, Dinge zu kreieren. Ich habe einiges ausprobiert, unter anderem habe ich gemalt, aber als ich mich am Bass versuchte, hat mir das am meisten gefallen..

Zurück in die Gegenwart. Eure Show letzte Nacht war echt intensiv.

Alle: Oh, danke. (Gelächter)

Wie war es für Euch?

Ryutaro: Es war toll. Wir sind zum ersten Mal in Griechenland aufgetreten, es war wirklich klasse. Und die Bühne war so nah am Publikum, wir konnten die Leute berühren!

Intim..

Ryutaro: Ja... (lacht)

Eine Sache beschäftigt mich. In Japan seid Ihr seit vielen Jahren sehr erfolgreich, warum geht Ihr das Risiko ein, im Ausland zu performen?

Tadashi: Wir waren in der Vergangenheit schon mehrere Male in Europa. Wir mögen westliche Musik, für uns war es also nur logisch, herzukommen. Natürlich birgt das Risiken und anfangs hatten wir ziemlichen Schiss, aber das hier ist nun schon unsere dritte Tour durch Europa. Wir haben uns daran gewöhnt. Mittlerweile gibt es keine Risiken mehr.

"Nega to Posi" klingt teilweise sehr westlich, während das bei "Utsusemi" eher gemischt ist, Euer neues Album wirkt wie ein einzigartiges, eigenwilliges Bild. Hattet Ihr für dieses Album ein besonderes Konzept?

Tadashi: Nein, ein Konzept hatten wir eigentlich nicht. Es war einfach so.. alle Mitglieder der Band kamen zusammen und jeder brachte etwas mit. Dann fingen wir an, diese verschiedenen Elemente zu mischen und alles fügte sich auf natürliche Art und Weise zusammen. Da gab es also kein Konzept, keine Entscheidungen, die von Anfang an getroffen wurden.

Ryutaro: Das neue Album ist eher von der japanischen Kultur beeinflusst. Es hat wirklich sehr viel mit Japan zu tun. Wir haben uns nicht viele Gedanken gemacht und uns kaum mit der Planung beschäftigt, alles lief flüssig, wie von selbst ab.

Wenn Ihr an "Utsusemi" denkt, was kommt Euch da in den Sinn? Vielleicht ein besonderes Gefühl, ein Bild oder möglicherweise auch eine Farbe.

Ryutaro: (Er denkt intensiv nach, während Akira ihm spaßeshalber Ideen zuwirft) Nur ein Moment.. vielleicht ein Schatten, ein japanischer Schatten. Wie die sieben Farben. Wenn wir in Japan von den sieben Farben sprechen, meinen wir ein vages Bild, eine Situation, in der es schwer ist, den Unterschied zwischen den Farben auszumachen. Es ist schwer, nur eine Farbe auszuwählen, weil dieses Album sich so unbestimmt anfühlt, wie ein Schatten. Die Welt sollte "Utsusemi" sein.

Warum habt Ihr Euch für dieses Wort entschieden?

Ryutaro: Utsusemi ist ein sehr, sehr altes Wort in der japanischen Sprache. Utsusemi ist einer der Namen, der immer wieder in The Tale of Genji (ein klassisches, japanisches Literaturwerk, das im 11. Jahrhundert geschrieben wurde) auftaucht. Während ich es gelesen habe, fiel mir auf, wie historisch dieses Wort ist. Viele Worte, die in alten Geschichten verwendet wurden, sind längst verschwunden. Utsusemi aber ist immer noch da und ich finde, es ist ein gutes Wort, das die Musik und die Essenz dieses Albums ideal beschreibt.

Für gewöhnlich bitten wir unsere Interviewpartner um eine letzte Nachricht. Von Euch hätten wir gerne etwas anderes, wie wäre es mit einem Rat an Eure Fans?

Alle: Ein Rat? Was? (lachen)

Ein Rat, genau. Wie sie Eure Musik und Eure Shows am besten genießen können.

Ryutaro: In Japan machen Fans immer diese eine Sache.. sie alle bewegen sich einheitlich, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Sie tanzen synchron. Das ist gut, aber ich mag es lieber, wenn die Fans sich die Show einfach ansehen, lächeln, weinen, abgehen. Ich möchte einfach, dass die Leute im Publikum ihre Gefühle zum Ausdruck bringen und auf diese Art und Weise unsere Konzerte genießen können.

Tadashi: Das sehe ich auch so, bitte genießt unsere Konzerte.

Ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für Eure Zeit.

Alle: Vielen, vielen Dank.


JaME dankt Plastic Tree, Rage Tour und SOUNDLICIOUS, die dieses Interview möglich gemacht haben. Die Fotos in diesem Artikel wurden am 16. Oktober in Berlin von Wanda Proft aufgenommen, vielen Dank auch an Weird World, die die Konzerte in Deutschland organisiert haben.
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